Presseinformation // Von Gartenzwergen, Buddhafiguren und Wunschfeen

„Veränderungen sind überall festzustellen. Insbesondere in den Städten und Gemeinden wird nachverdichtet und die scheinbar letzte Freifläche umgewidmet. Ob es gut ist, wissen wir nicht, aber wir erleben es.“ So war es auch nicht verwunderlich, dass Klaus Karl-Kraus, bekannter Kabarettist und Autor mit einem Hang zu gesellschaftskritischen Themen vom innerstädtischen Fahrradfahrer zum Autofahrer und dann zum Fußgänger mutierte und lebhaft das nicht immer reibungsfreie Miteinander karikierte. Mit Augenmerk auf „Genug ist nie genug – zum Grün in der Stadt“ stellte er fest, dass die Gartenmode den Gartenzwerg in bunt blühenden Vorgärten durch eine beinahe schon unvermeidliche Buddhafigur im Kiesbeet ersetzt.

Die Zukunft des urbanen Grüns in unseren Städten war denn auch das Thema einer Podiumsveranstaltung, zu der die Bayerische Landesgartenschau GmbH nach Würzburg eingeladen hatte. Rund hundert Personen folgten der lebhaften Diskussion zwischen Experten ganz unterschiedlicher Bereiche – beinahe ein Spiegelbild innerstädtischen Zusammenseins: UrbanGardening Expertin Silva Appel, Bienenfachmann Dr. Rudolf Behl, Hochschul-Professorin Claudia Frey, Tirschenreuths Bürgermeister Franz Stahl und Garten-und-Landschaftsbaupräsident Gerhard Zäh.

Gerhard Zäh erläuterte engagiert die Initiative „Grün in die Stadt“, die das öffentliche Grün in den Mittelpunkt stellt. In Zusammenarbeit mit dem Bundesumweltministerium seien Charta und Weißbuch „Stadt und Grün“ entstanden und das Programm „Zukunft Stadtgrün“ ermöglicht Kommunen zudem, von bundesweiten Förderungen zu profitieren. „Die Wertigkeit von Grün in der Stadt wird deutlich unterschätzt. Man muss Häuser nicht zwingend mit dem aus Erdöl produzierten Styropor dämmen, hier gibt es Alternativen in Kombination mit vertikalem Grün. Auch Dachbegrünungen verbessern nicht nur das innerstädtische Kleinklima.; bei entsprechend fachlicher Ausführung schwächen sie Probleme, die durch Starkregen und Hitzestau entstehen können, deutlich ab.“
Zäh wünscht sich, dass bei Bauprojekten je qm Wohnfläche auch Grünflächen angelegt werden – und zwar innerstädtisch und nicht als „Ausgleichsfläche“ in km-weiter Entfernung.

Erfahrungen aus der Praxis steuerte Bürgermeister Franz Stahl bei. Tirschenreuth lebe seine Stadtentwicklung und beziehe die Bürger mit ein. Mittels der Gartenschau „Natur in Tirschenreuth“ habe die Stadt 2013 eine qualitativ hochwertige und vor allem nachhaltige „grüne“ Aufwertung erfahren und – so der Bürgermeister – eine neue Zeitrechnung eingeführt. „Eine ‚Steinzeit‘ bis 2012 und die Zeit ab der Gartenschau 2013. Die Tirschenreuther nutzen nach wie vor die durch die Gartenschau entstandenen grünen Erholungsflächen intensiv. Sie haben die Chance erkannt, in welcher Form Stadtreparatur mittels einer Gartenschau möglich sei und können sich vorstellen, trotz der jahrelangen Vorbereitungszeit sich wieder um eine Gartenschau zu bemühen.“

Es gäbe noch viele, kaum oder gar nicht erforschte Ansatzpunkte, wie mittels Künstlicher Intelligenz (KI), beispielsweise Pflanzen bei der Begrünung von Hauswänden in ihrem Wachstum gestärkt werden können. Professor Claudia Frey von der Hochschule Würzburg-Schweinfurt kann sich etwa spezielle Sensoren vorstellen, die – von menschlicher Intelligenz programmiert – vielerlei Werte und Faktoren erfassen können. Wie zum Beispiel die Menge an Sauerstoff, die von einer grünen Wand produziert und/oder die Menge an CO2, die „geschluckt“ wird. Es liegt dann an den Experten, Konsequenzen aus den erhobenen Daten zu ziehen und aufzuzeigen, dass begrünte Mauern und Wände mit Steinen verfüllten Gabionen vorzuziehen seien. Positive Konsequenzen können sich hier auch in Kooperation mit weiteren Fachbereiche wie beispielsweise der Architektur ergeben. Faszinierende Projekte gibt es bereits im Bereich von Virtual Reality-Brillen. So könne man heute schon eine „Baumreise“ durchleben, bei der man von den kleinsten Wurzelfasern über Baumstamm, Äste und Blätter auch molekularen Elemente, Zellen etc. sieht.

Nicht nur viele Menschen ziehen vom Land in die Stadt, auch viele Bienenvölker sind dazu gezwungen. Nach einer aktuellen Studie, die der Bienenexperte Dr. Rudolf Behl vorstellte, leben in der Stadt durchschnittlich sieben Bienenvölker je Quadratkilometer, während es zum Beispiel im Landkreis Würzburg durchschnittlich nur noch zwei Bienenvölker je Quadratkilometer sind.
Städte sind zum Rückzugsgebiet der Bienen geworden. Hier finden sie eine deutlich höhere Pflanzenvielfalt, die zu einem höheren Pollen- und Nektareintrag führen. Dr. Behl fordert mehr Phantasie von Architekten und Stadtplanern, damit mehr Standorte für Bienenvölker entstehen sowie konkret in Würzburg, den Zentralfriedhof als innerstädtische Trachtfläche freizugeben.

„Mehr Mut, größer denken, um Kleineres realisieren zu können“, das ist das Credo von Silvia Appel, die sich im Würzburger Verein „Stadtgärtner Urban Gardening“ engagiert. Viele Städte erleben gerade einen Bauboom und wenn man sich vorstelle, dass die neuen Gebäude sowohl mit einer vertikalen als auch mit einer Dachbegrünung ausgestattet seien und dass analog dazu auch neue Grünanlagen entstünden, würden davon alle Bürger enorm profitieren. Der Nutzen läge nicht nur in den positiven Auswirkungen auf das innerstädtische Klima sondern auch im gegenseitigen Kennenlernen, in der Gemeinsamkeit der Nachbarschaft, in neuen Gemeinschaftsgärten und schaffe so auch eine neue soziale Qualität.

Podiumsteilnehmer und Publikum waren sich einig, dass Grün in der Stadt eben mehr ist, als nur ein Baum oder eine Rabatte in der Verkehrsinsel. Es gibt viele Möglichkeiten, im Großen wie im Kleinen für mehr Grün zu sorgen. Man müsse sich nicht mit Singapur messen, das sich als grüne Stadt ein neues, für Touristen interessantes Image gegeben habe. Praktische Beispiele wie Andernach mit seinen öffentlichen Nutzgärten oder die Nachhaltigkeit ehemaliger bayerischer Gartenschauflächen gibt es auch in Deutschland. Und wenn man von Einzelnen höre, dass ihr Balkon mit einem Blumenkasten doch relativ wenig Auswirkungen habe, möge man sich mal vorstellen, dass ca. 10.000 Balkonkästen die Fläche eines ganzen Fußballplatzes einnehmen…
Deshalb gelte für jeden Einzelnen: Mensch ärgere Dich nicht! Beteilige Dich!

 


Galerie “Symposium 2018”


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Kontakt:
Bayerische Landesgartenschauen GmbH, www.lgs.de